Interview

Courage, Hände und Haltung: Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt über sein Lebenswerk

Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt (Mitte) und Prof. Dr. Ulrich Stöckle (re.) bei der Scheckübergabe an Marc Möllmann (li), den Direktor des Deutschen Behindertensportverbands
Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt (Mitte) und Prof. Dr. Ulrich Stöckle (re.) bei der Scheckübergabe an Marc Möllmann (li), den Direktor des Deutschen Behindertensportverbands © DBS

Es ist eine Ehrung, die ihn tief bewegt: Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt erhielt auf dem DKOU 2025 die erstmalig von der DGOU vergebene Auszeichnung für ein Lebenswerk in O&U. Im Interview spricht er darüber, wem und warum er das Preisgeld spendet und warum für ihn auch heute noch die Hände das wichtigste Instrument in der Medizin sind.

Herr Dr. Müller-Wohlfahrt, Sie wurden von der DGOU für Ihr Lebenswerk in O&U geehrt. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung aus dem eigenen Fach? 

Dr. Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt: Mein erster Gedanke war: Das ist das höchste der Gefühle, das Höchste, was ich überhaupt in meinem Leben erreichen kann. Diese Auszeichnung von der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie zu erhalten, das hätte ich mir nie zu hoffen oder zu träumen gewagt. Ich bin mit Stolz erfüllt, weil ich mir sicher bin, dass ich immer eine seriöse Arbeit gemacht habe und nun die Anerkennung dafür bekomme.

Sie spenden das Preisgeld an den Deutschen Behindertensportverband, warum ist Ihnen dieser Schritt so wichtig und welche Botschaft verbinden Sie damit?

Müller-Wohlfahrt: Ich behandle seit Jahren behinderte Sportler, habe sehr große Sympathien für sie, sehe ihre Gewissenhaftigkeit, ihren Ehrgeiz. Die Sportler setzen sich intensiv mit dem Training auseinander, ich möchte sie einfach fördern in dem, was sie tun. Das kann ein Beispiel auch für andere sein, ebenfalls diesen Verband zu unterstützen. 

Welche Erfahrung oder Entscheidung hat Ihren beruflichen Weg am nachhaltigsten geprägt?

Müller-Wohlfahrt: Ich glaube, dass die größte Entscheidung in meinem Leben war, dass ich dem Ruf des FC Bayern gefolgt bin. Das war im Jahr 1976, als man mich eingeladen und gesagt hat: Wir suchen einen Arzt wie Sie. Ich war eigentlich noch nicht so weit, diese große Mannschaft medizinisch zu betreuen. „Die Bayern“, es waren damals auch Maier, Müller, Hoeneß, die spielten. Sie auf hohem Niveau zu betreuen, war eine große Aufgabe. Aber es war dann so, dass Franz Beckenbauer zu mir kam und sagte: „Doktor, die Mannschaft will dich, du kriegst jetzt drei Jahre Zeit, entwickle dich, wir wollen dich behalten. Du musst dir keine Sorgen machen.“ Das bedeutete Courage zu haben, die alleinige Verantwortung für die Gesundheit der Spieler zu übernehmen. Und diese Courage brauchen junge Kollegen, wenn sie hohe Ziele haben. Wenn sie ihren Weg machen wollen, müssen sie irgendwann solche Aufgaben übernehmen und nicht Mitläufer sein. Dazu gehört Mut.

Was wünschen Sie sich heute von der jungen Generation in O&U?

Müller-Wohlfahrt: Ich sehe mehr und mehr, dass die jungen Kollegen sich allein auf die Technik verlassen und nicht mehr das Selbstvertrauen entwickeln, nach Untersuchung, Palpation und Funktionsprüfung, auch ohne Technik, eine Diagnose zu stellen. Da wünsche ich mir, dass sie sich zurückbesinnen auf das, was wir eigentlich leisten können mit unseren Händen. Diese müssen trainiert werden. Wie ein Sportler trainiert, müssen auch die Hände jeden Tag palpieren, um dann imstande zu sein, Unglaubliches zu leisten. Man kann die Sinneswahrnehmung entwickeln und am Ende mit viel Erfahrung im Grunde alles ertasten und fast jede Verletzung diagnostizieren.

Vielen Dank für das Gespräch.
 

Das Interview führten Prof. Dr. Ulrich Stöckle, 1. stellvertretender Vizepräsident der DGOU, und Swetlana Meier, Öffentlichkeitsarbeit DGOU.

  • Kontakt Kontakt